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Wenn KI alles kann – wie sieht unsere Zukunft aus?

Das haben wir dutzende Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gefragt und hier sind die besten vier Antworten:

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Prof. Dr. Jens Schröter ist Medienwissenschaftler und Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit Medientheorie, digitalen Technologien und den gesellschaftlichen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz. Zudem ist er Mitgründer des experimentellen Multimedia-Projekts Fan Hsiu Kadesch.

„Wenn KI wirklich ‚alles‘ kann, bricht die kapitalistische Arbeitsgesellschaft zusammen und Markt, Geld und Konkurrenz werden überflüssig.“

Ich glaube nicht, dass KI „alles“ können wird in irgendeiner absehbaren Zukunft, aber lassen wir uns darauf ein. Die offensichtlichste Folge ist der Zusammenbruch der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Denn wenn KI (im Verbund mit Robotik) „alles“ kann, wird jede Art von Arbeit durch eben diese KI ersetzt werden. Zu argumentieren, die Menschen wollten vielleicht nicht, dass die Arbeit ersetzt wird, nutzt nichts: unter Bedingungen der Marktkonkurrenz wird irgendein Unternehmen anfangen KI einzusetzen, um billiger zu produzieren und sich so gegen die Konkurrenz durchzusetzen; alle anderen müssen nachziehen – und so kommt eine Kaskade in Gang, bei der am Ende keine Arbeit für Menschen übrigbleibt (denn die KI kann ja „alles“), selbst nicht die der Programmierung und Wartung der KI (angeblich kann generative KI heute schon besser programmieren als Menschen). Alle anderen Argumente, die zur verzweifelten Verteidigung der Marktwirtschaft gegen den technischen Fortschritt immerzu hervorgebracht werden, verfangen auch nicht: Es heißt immer, mit neuer Technik würden auch neue Formen der Arbeit entstehen – mag sein, aber sicher nicht, wenn die KI „alles“ kann, denn die neue Arbeit kann dann ja auch die KI machen. Wenn aber niemand mehr Arbeit hat, kann auch niemand die Produkte kaufen. Aus. Wenn die KI „alles“ kann, wird Marx Recht behalten haben. Im berühmten „Maschinenfragment“ in den Grundrissen (1857-58, erste vollständige Veröffentlichung 1939-41) bemerkte er, dass wenn sich der Mensch nur mehr als „Wächter und Regulator zum Produktionsprozess selbst verhält“ (was, wenn die KI „alles“ kann, auch noch überflüssig ist) „die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen[bricht]“ (MEW 42, 601).

Was tun? Eine naheliegende Antwort wäre so etwas wie ein universelles Grundeinkommen, die Menschen bekommen einfach Geld überwiesen und kaufen die Produkte, die in KI-Fabriken hergestellt werden. Aber eigentlich ist Geld als Medium des Tauschs und der Steuerung der Produktion und Distribution durch Preissignale überflüssig, wenn die KI „alles“ kann. Vielmehr könnte eine solche KI endlich eine demokratische, gesamtgesellschaftliche Planung der Ökonomie erlauben. Das Kalkulations- und das Informationsproblem, von von Mises und von Hayek gegen die Möglichkeit der gesellschaftlichen Planung in Stellung gebracht, würden sie lösen können (sie kann ja „alles“). Die Bedürfnisse werden registriert, abgewogen und es wird entsprechend produziert und verteilt, ohne Geld und ohne Märkte. Im Übrigen wäre eine solche KI-Planung auch zwingend erforderlich, um dem Klimawandel Herr zu werden: Ohne Märkte und Konkurrenz hätten sich der hektische Wachstumszwang und die mit ihm einhergehenden chaotischen Boom-and-bust-cycles erledigt, es könnte mit Blick auf Ressourcen, Verbrauch und Abfall umsichtiger produziert werden. Kurzum: Eine KI, die „alles“ kann, könnte wirklich die Welt vor Geld, Markt, Konkurrenz, Ungleichheit, Krisen, Krieg und Klimawandel retten.

Doch ich weiß: Wenn man so etwas schreibt, erheben sich laute Stimmen. Genau diejenigen, die eben noch schrien, dass KI die größte Revolution der Menschheitsgeschichte ist und eben bald „alles“ kann – sie schreien nun: Nein, das kann doch gar nicht sein! Ja, ja Revolution schon, aber nicht so! Konkurrenz und Markt und Geld sind des Menschen ew’ge Natur! Mit „alles“ haben wir DAS natürlich ganz sicher nicht gemeint! Und so wird jeder Versuch, die KI für eine bessere Zukunft jenseits unseres suizidalen ökonomischen Systems einzusetzen, von vorneherein vereitelt – denn wir leben ja schon in der besten aller möglichen Welten. Die KI wird gar nicht „alles“ dürfen – selbst, wenn sie es könnte. (siehe: https://nach-dem-geld.de).

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Foto: Diane von Schoen

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin ist Philosoph, Autor und Rektor der Humanistische Hochschule Berlin sowie Direktor am Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation. Der ehemalige Staatsminister für Kultur und Medien forscht und publiziert seit vielen Jahren zu Ethik, politischer Philosophie und den gesellschaftlichen Auswirkungen der digitalen Transformation.

„Da ich überzeugt bin, dass die KI jetzt und auch in Zukunft nicht alles kann […] erübrigt sich für mich die Fragestellung.“

Da ich überzeugt bin, dass die KI jetzt und auch in Zukunft nicht alles kann und zwar aus prinzipiellen Gründen (einer ist die algorithmische Strukturierung, ein anderer die fehlenden mentalen Eigenschaften und damit das Fehlen von Semantik) erübrigt sich für mich die Fragestellung. In dem kürzlich erschienenen VDW Band „KI und Wir“ lege ich die Gründe dar.

Der von mir vertretene Digitale Humanismus stellt sich sowohl gegen animistische Mystifizierungen Künstlicher Intelligenz als auch gegen die mechanistische Projektion auf menschliches Denken und das menschliche Gehirn. Wenn KI mentale Eigenschaften und über genuine Intelligenz verfügt, müsste der Umgang mit ihr analog zu menschlichen Personen gestaltet, sowie moralisch und juridisch genormt werden. Entitäten mit personalen Eigenschaften, wie Empathie und Vernunft, die autonom agieren und über Selbstbewusstsein verfügen, wären in ähnlicher Weise zu behandeln, wie Menschen. Menschenwürde ist keine Spezies-Eigenschaft. Der Fortschritt der Digitalisierung wäre damit vermutlich gestoppt. Töten, Rekombinieren, Quälen, als bloßes (technisches) Instrument behandeln wären damit moralisch und juridisch unzulässig. Vielleicht hilft diese reductio ad absurdum dabei, von den aktuell so weit verbreiteten Mytifitzierung Künstlicher Intelligenz Abstand zu nehmen.

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Prof. Dr. Jan Distelmeyer ist Professor für Mediengeschichte und Medientheorie im Kooperationsstudiengang Europäische Medienwissenschaft (EMW) der Fachhochschule Potsdam & Universität Potsdam, Gründungsmitglied des Brandenburgischen Zentrums für Medienwissenschaften (ZeM) und Mitglied des Beirats der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM). 

„KI hat Grenzen und kann kontrolliert werden – umso wichtiger wird, welche und wessen KI wir wofür anstreben.“

Die Frage nach der Zukunft ist eine doppelte. Sie beginnt damit, ob möglich ist, dass KI „alles kann“ – was aktuell zu verneinen und auch künftig fragwürdig ist. Alles, was beim menschlichen Wissen, Erkennen, Erspüren, Denken, Entscheiden und Agieren mit Körperlichkeit und Bewusstsein zu tun hat, bleibt den Verfahren des Maschinelles Lernens verborgen. KI verfügt nicht über situiertes Wissen. Diese Grenze der Formalisierbarkeit und algorithmischen Entscheidungslogik sollte uns – bei all ihren beeindruckenden Ergebnissen und Potenzialen – darin bestärken, sowohl über die Formen als auch über die Grenzen ihrer Einsetzbarkeit nachzudenken. Wo wollen wir KI wirken lassen?

Diese Debatte über die Zukunft der KI ist wesentlich dringlicher als eine futuristische Diskussion um Singularität oder ein potenzielles Ende der Menschheit. Die Frage, in welchen Bereichen (der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur, der Politik, des Militärs etc.) wir die algorithmischen Entscheidungsfindungen von KI implementieren, ist zentral für diese Zukunft. 

Sie stellt sich – zumal in Demokratien – desto nachdrücklicher, je mehr wir von den Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten rund um die führenden Konzerne und den bedrohlichen Weltbildern ihrer Leitfiguren erfahren, die derzeit unter Begriffen wie „Broligarchie“ und „Techno-Faschismus“ debattiert werden. Nicht weniger diskussionsbedürftig sind die verbesserungswürdigen Bedingungen der Datenarbeit von Millionen Menschen weltweit, die das humane Herz der KI bilden und die nötigen Datenmassen aufbereiten.

Eine Kernerkenntnis der medienwissenschaftlichen Forschung ist, dass Medientechnologien nicht neutral sind. Sie sind keine unbeteiligten Werkzeuge, sondern haben eigene Bedingungen und entscheidenden Anteil an ihren Ergebnissen und Folgen. Das gilt in besonderer Weise für KI. Unsere Zukunft mit ihr hängt darum an der Frage, welche und wessen KI wir damit anstreben.

Die komplette Antwort kannst du hier lesen.

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Jannik Schaefer ist Gründer von KI Weekly. KI Weekly ist ein unabhängiges Medienformat für künstliche Intelligenz. Wir beobachten die technische Entwicklung, sprechen mit Forschern, Gründern und Entscheidern und ordnen ein, was KI tatsächlich kann und was sie gesellschaftlich verändert.

„Die wichtigste Frage lautet, wer diese Fähigkeiten besitzt, für wen und zu welchem Preis sie verfügbar sind und in wessen Interesse sie handeln.“

Die Frage „Wenn KI alles kann – wie sieht unsere Zukunft aus?“ ist so faszinierend, weil in diesem kleinen Wort „alles“ gleich drei verschiedene Fragen stecken: Was wird technisch möglich sein? Was wird wirtschaftlich billig genug sein? Und was werden wir gesellschaftlich überhaupt zulassen? Genau deshalb ist die Frage so schwer zu beantworten, und genau deshalb ist sie so wichtig.

Denn die Entwicklung verläuft längst nicht mehr in dem gemächlichen Tempo, in dem neue Technologien erst Nischen finden und dann langsam Branchen verändern. Führende KI-Systeme legten binnen eines Jahres auf anspruchsvollen Leistungstest bis zu 67,3 Prozentpunkte zu, während die Kosten für KI auf GPT-3.5-Niveau seit Ende 2022 (Veröffentlichung von ChatGPT) bis Oktober 2024 um mehr als das 280-Fache gefallen sind.

Und dieser Fortschritt endet nicht dort, wo er auf dem Bildschirm sichtbar wird. Google DeepMind hat 2025 mit Gemini Robotics und Gemini Robotics-ER Modelle vorgestellt, die Sprache, Wahrnehmung und Handlung verbinden und ausdrücklich dafür gebaut wurden, Roboter direkt in der physischen Welt zu steuern. Sobald dieselbe Intelligenz nicht nur schreibt, recherchiert und programmiert, sondern auch greift, sortiert, montiert und sich durch reale Umgebungen bewegt, verändert sich nicht nur Wissensarbeit.

Wenn KI alles kann, dann ist die wichtigste Zukunftsfrage nicht Bewusstsein, nicht Science-Fiction und nicht einmal zuerst Singularität. Die wichtigste Frage lautet, wer diese Fähigkeiten besitzt, für wen und zu welchem Preis sie verfügbar sind und in wessen Interesse sie handeln. Die erste Zukunft des „Alleskönners“ KI ist sehr wahrscheinlich keine egalitäre Utopie, sondern eine historische Konzentration von Handlungsfähigkeit.

Und diese Entwicklung wird keine Zäsur sein, weil KI plötzlich magisch wird, sondern das Ergebnis eines schrittweisen Abbaus von immer mehr  Fähigkeiten Einzelner oder Gruppen.

Gerade deshalb ist die eigentliche Alternative nicht „Utopie oder Untergang“. Realistischer ist etwas Drittes: eine Welt des Überflusses an Können und zugleich der Knappheit an Kontrolle. Vieles könnte billiger, schneller und besser werden. Dafür spricht auch, dass KI längst aus dem Labor in den Alltag dringt. 78 Prozent der von McKinsey befragten Organisationen gaben 2025 an, KI bereits in mindestens einer Geschäftsfunktion zu nutzen. Waymo sprach Anfang 2026 bereits von mehr als 400.000 Robotaxi-Fahrten pro Woche. Gleichzeitig stieg die Zahl gemeldeter KI Vorfälle laut Stanford im Jahr 2024 auf 233. Das Muster ist also klar: Die Verbreitung wächst schneller als die institutionelle Absicherung.

Wenn KI alles kann, wird nicht der Mensch überflüssig. Überfordert werden vielmehr die institutionellen Annahmen, auf denen unsere Gegenwart gebaut ist. Unsere Schulen, Unternehmen, Sozialsysteme und Demokratien sind für eine Welt gebaut, in der Können knapp, Wissen teuer und Produktivität an menschliche Arbeitszeit gebunden ist. In einer Welt, in der kognitive und zunehmend physische Fähigkeiten skalierbar werden, müssen wir neu entscheiden, wem diese Fähigkeiten gehören, wem ihre Gewinne zufallen und welche Urteile wir niemals vollständig an Maschinen delegieren sollten.

Vielleicht ist die unbequeme Wahrheit sogar diese: Je näher wir an KI kommen, die uns kognitiv überragt, desto kleiner wird das Zeitfenster menschlicher Kontrolle. Europa kommt dabei ein weiteres Problem hinzu: Die mächtigsten Modelle entstehen heute vor allem in den USA und China, nicht hier. Darin liegt die eigentliche Härte der Lage: Wir stehen womöglich vor einer Technologie, die die Weltordnung verändert, ohne dass wir ihre Richtung noch entscheidend mitbestimmen. Und wenn das stimmt, dann geht es für Europa nicht mehr um die Illusion von Kontrolle, sondern um die möglichst kluge Vorbereitung auf einen Machtverlust, den wir vielleicht nicht mehr verhindern, sondern nur noch begrenzen können.

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