Guten Morgen Herr Prof. Distelmeyer , 🌞

Wenn KI alles kann – wie sieht unsere Zukunft aus?

Das haben wir Prof. Dr. Jan Distelmeyer, Professor für Mediengeschichte und Medientheorie im Kooperationsstudiengang Europäische Medienwissenschaft (EMW) an der Fachhochschule Potsdam & Universität Potsdam, Gründungsmitglied des Brandenburgischen Zentrums für Medienwissenschaften (ZeM) und Mitglied des Beirats der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM).

Die hier gestellte Frage nach der Zukunft ist eine doppelte. Sie beginnt damit, ob denkbar ist, dass KI „alles kann“ – was aktuell zu verneinen und auch künftig fragwürdig ist. Der Anspruch auf Universalität, den die Hypothese einer Artificial General Intelligence (AGI) formuliert, hat Grenzen: Alles, was beim menschlichen Wissen, Erkennen, Erspüren, Denken, Entscheiden und Agieren mit Körperlichkeit und Bewusstsein zu tun hat, bleibt den Verfahren des Maschinelles Lernens verborgen. KI verfügt nicht über situiertes Wissen. Diese Grenze der Formalisierbarkeit und algorithmischen Entscheidungslogik sollte uns – bei all ihren beeindruckenden Ergebnissen und Potenzialen – darum darin bestärken, über beides nachzudenken: sowohl über die aktuellen und künftigen Formen von KI als auch über die Grenzen ihrer Einsetzbarkeit. Wo wollen wir KI wirken lassen?

„KI hat Grenzen und kann kontrolliert werden – umso wichtiger wird, welche und wessen KI wir wofür anstreben.“

Diese Debatte über die Zukunft der KI ist wesentlich dringlicher als eine futuristische Diskussion um Singularität oder ein potenzielles Ende der Menschheit. Die Frage, in welchen Bereichen (der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur, der Politik, des Militärs etc.) wir die algorithmischen Entscheidungsfindungen von KI implementieren, ist zentral für diese Zukunft. Dass wir dazu noch intensiver die Gegenwart, das Hier-und-Jetzt der KI ergründen und öffentlich diskutieren müssen, wie Maschinelles Lernen und Sprach- sowie Weltmodelle funktionieren, liegt auf der Hand.

Je näher wir an die konkreten Bedingungen, Konzepte und Verfahren jener Prozesse kommen, die zu dem Versprechen künstlicher Intelligenz gehören, desto besser gelingt es, sich als Gesellschaft dazu zu verhalten. Wie Kate Crawford gezeigt hat, ist „KI weder künstlich noch intelligent“, sondern „vielmehr verkörpert und materiell ‒ hergestellt auf der Basis von natürlichen Rohstoffen, Kraftstoffen, menschlicher Arbeitskraft, Infrastrukturen, Logistiken, Geschichten und Klassifikationen“.

Nur eine Gesellschaft, die weiß, womit sie es bei KI zu tun hat, kann bewusst, besonnen und vorausschauend die Frage nach der Zukunft mit KI beantworten. Sie stellt sich – zumal in Demokratien – desto nachdrücklicher, je mehr wir von den Machtkonzentrationen und Abhängigkeiten rund um die führenden Konzerne und den bedrohlichen Weltbildern ihrer Leitfiguren erfahren, die derzeit unter Begriffen wie „Broligarchie“ und „Techno-Faschismus“ debattiert werden. Nicht weniger diskussionsbedürftig sind die verbesserungswürdigen Bedingungen der Datenarbeit von Millionen Menschen weltweit, die das humane Herz der KI bilden und die nötigen Massen an Daten aufbereiten. Beides – die Weltbilder bzw. Wunschkonstellationen hinter und die Arbeitsverhältnisse in der KI-Entwicklung – gilt es ebenso in Überlegungen zur Zukunft mit KI einzubeziehen wie auch ihre Kosten (z.B. den hohen Energie- und Wasserverbrauch).

Eine Kernerkenntnis der medienwissenschaftlichen Forschung ist, dass Medientechnologien nicht neutral sind. Sie sind keine unbeteiligten Werkzeuge, sondern haben eigene Bedingungen und entscheidenden Anteil an ihren Ergebnissen und Folgen. Das gilt in besonderer Weise für KI. Unsere Zukunft mit ihr hängt darum an der Frage, welche und wessen KI wir damit anstreben.

Welche Frage sollen wir als Nächstes stellen?

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Das war’s schon! 😔

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