Guten Morgen Frau Prof. Dr. Sarah Brommer , 🌞
Was wird 2026 der wichtigste KI-Durchbruch?
Das haben wir Prof. Dr. Sarah Brommer, Professorin für Schreibwissenschaft an der Universität Bremen, Leiterin des VK:KIWA Thinktanks und Direktorin des Instituts für Schreibwissenschaft (ISW), gefragt. Sie forscht zu wissenschaftlichem Schreiben, Textkompetenz und den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf Schreibprozesse und prägt mit ihrer Arbeit die Debatte über KI und Schreibkultur maßgeblich mit.
Aus schreibwissenschaftlicher Perspektive wird der wichtigste KI-Durchbruch 2026 weniger in weiteren Leistungssteigerungen von LLMs liegen als in einem Perspektivwechsel: KI-Systeme werden Schreiben nicht mehr primär als Textproduktion, sondern als situierte, phasenabhängige und soziale Praxis modellieren. Entscheidend ist dabei nicht ein Zugewinn an sprachlicher Perfektion, sondern die erstmalige Anschlussfähigkeit von KI an ein Schreibverständnis, das Schreiben als Prozess und nicht als Produkt begreift. Der Fokus verschiebt sich damit von der Optimierung des Outputs hin zur Unterstützung und Mitgestaltung des Schreibprozesses.

„KI wird Schreiben nicht länger als Produkt optimieren, sondern als Prozess mitgestalten.“
Bislang agieren KI-Systeme überwiegend reaktiv und produktorientiert: Sie generieren oder überarbeiten Texte, ohne zu berücksichtigen, dass Schreiben ein rekursiver, nichtlinearer und situativer Vorgang ist, in dem Planen, Formulieren, Überarbeiten und Reflektieren ineinandergreifen. Diese Reduktion auf Textoberfläche steht im deutlichen Kontrast zu zentralen Einsichten der Schreibforschung. Künftig wird KI diese Prozesslogik explizit aufgreifen, Schreibphasen unterscheiden, Übergänge erkennen und Interventionen phasensensitiv gestalten. Erst damit wird KI schreibwissenschaftlich mehr als ein effizientes, aber epistemisch verkürztes Werkzeug.
Eng damit verbunden ist eine neue Qualität der sozialen Kontextualisierung. Zwar können KI-Systeme bereits heute Schreibrollen wie Kritiker:in oder Tutor:in simulieren, doch bleiben diese Rollen meist rhetorisch: Sie werden durch Prompts ausgelöst, sind an die Textoberfläche gebunden und verlieren ihre Gültigkeit, sobald der situative Rahmen nicht explizit vorgegeben wird. Der erwartbare Durchbruch liegt daher nicht in der Vielfalt simulierbarer Rollen, sondern in ihrer funktionalen Einbettung in den Schreibprozess. Zukünftige KI-Systeme werden Rollen kontextsensitiv aktivieren, phasenabhängig wechseln und ihre Eingriffe aufeinander abstimmen: explorativ-tutoriell in frühen Entwurfsphasen, kritischer und normorientierter in Überarbeitungs- und Finalisierungsphasen. KI wird so vom generischen Feedbackgeber zum Akteur innerhalb modellierter Schreib- und Bewertungspraktiken.
Damit einher geht die Externalisierung impliziten Schreibwissens. KI kann verborgene Strategien sichtbar machen, etwa die Funktion von Absätzen im Argumentationsgang, argumentative Brüche oder nicht eingelöste Diskurserwartungen. Darin liegt ihr eigentliches Potenzial: Sie wird zu einem metakognitiven Werkzeug, das nicht nur Texte verbessert, sondern Schreibhandlungen reflektierbar macht und damit in die Schreibkompetenzentwicklung eingreift. In der Konsequenz bedeutet diese Entwicklung keine weitere Automatisierung des Schreibens, sondern eine Transformation dessen, was als Schreibkompetenz gilt: weniger die Fähigkeit zu formulieren als die Fähigkeit, Schreibprozesse zu planen, zu steuern und gemeinsam mit KI zu reflektieren.
Diese Entwicklung hat erhebliche didaktische Konsequenzen. Schreibkompetenz lässt sich dann nicht mehr primär als Beherrschung textueller Normen verstehen, sondern als bewusste Steuerung komplexer Schreibprozesse in Kooperation mit KI. Lernende müssen Schreibphasen erkennen, KI-Rollen gezielt aktivieren oder begrenzen und deren Interventionen kritisch einordnen. Schreibdidaktik wird damit stärker metakognitiv und prozessorientiert ausgerichtet.
Zugleich erfordert diese Rollen- und Prozessunterstützung eine kritische Rahmung: Wenn KI normative Funktionen übernimmt und Bewertungslogiken oder institutionelle Machtverhältnisse reproduziert, stellt sich didaktisch wie wissenschaftsethisch die Frage, welche Rollen KI einnehmen darf – und welche gerade nicht. Problematisch wäre eine Verschiebung von Verantwortung, bei der KI als quasi-objektive Autorität erscheint. Eine zentrale Aufgabe zukünftiger Schreibdidaktik wird es daher sein, KI-Rollen explizit zu markieren, ihre Perspektivität offenzulegen und sie als eine Stimme unter mehreren zu behandeln. Maßstab verantwortungsvoller Schreibpraxis ist und bleibt die reflektierte Nutzung von KI, nicht die Delegation von Urteilsfähigkeit.
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